Wie NeckarCode für das European Centre for Press Freedom ein europaweites Tracking-System entwickelte, das strategische Klagen gegen Journalisten und Medien (SLAPPs) erfasst, visualisiert und öffentlich zugänglich macht.
SLAPP steht für „Strategic Lawsuits Against Public Participation" – Klagen, die nicht primär darauf abzielen, einen Rechtsstreit zu gewinnen, sondern Journalisten, Aktivisten und Medienorganisationen durch hohe Anwaltskosten, Zeitaufwand und psychischen Druck zum Schweigen zu bringen. In Europa nimmt die Zahl solcher Fälle zu, doch es fehlte lange eine systematische, öffentlich zugängliche Dokumentation.
Das European Centre for Press Freedom (ECPMF) mit Sitz in Leipzig erkannte dieses Dokumentationsdefizit als Kermproblem. Ohne belastbare Datenlage lässt sich weder politischer Druck auf Gesetzgeber ausüben noch lassen sich Muster erkennen – welche Länder besonders betroffen sind, welche Klägertypen besonders häufig auftreten, welche rechtlichen Rahmenbedingungen SLAPP-Klagen begünstigen.
NeckarCode wurde beauftragt, eine technische Plattform zu entwickeln, die diese Dokumentationslücke schließt: Ein System, das SLAPP-Fälle strukturiert erfasst, mit interaktiver Visualisierung öffentlich zugänglich macht und für interne Researcher ein effizientes Datenerfassungs- und Pflegewerkzeug bietet.
NeckarCode entwickelte die Plattform mit Django im Backend und React im Frontend. Das Datenmodell wurde in enger Abstimmung mit den ECPMF-Researchern entworfen: Jeder Fall enthält strukturierte Metadaten – Land, Klägertyp, betroffener Medientyp, Verfahrensstand, verwendete Rechtsgrundlage, Schadensersatzforderung – sowie Freitext-Felder für die detaillierte Fallbeschreibung.
Die interaktive Europakarte – ein zentrales Feature des öffentlichen Frontends – visualisiert die geografische Verteilung der SLAPP-Fälle in Echtzeit. Nutzer können nach Land, Jahr, Falltyp und Verfahrensstand filtern und so eigene Analysen durchführen. Jeder Fall hat eine eigene Detailseite mit vollständiger Dokumentation und Verlinkung zu Quellen.
Für das ECPMF-Team wurde ein internes Admin-Interface entwickelt, das keine technischen Kenntnisse voraussetzt: Researcher können Fälle anlegen, aktualisieren, kategorisieren und für die Veröffentlichung freigeben – mit einem mehrstufigen Review-Workflow, der redaktionelle Qualitätskontrolle sicherstellt. Ein Reporting-Dashboard gibt dem Management jederzeit Übersicht über Fallzahlen, Trendentwicklungen und regionale Schwerpunkte.
Die technische Infrastruktur auf Azure mit PostgreSQL gewährleistet Datensicherheit und Verfügbarkeit. Da die Plattform auch in politisch sensiblen Kontexten genutzt wird, legte NeckarCode besonderen Wert auf Zugriffsschutz, Verschlüsselung und die Trennung von öffentlichen und internen Systemteilen.
Der Anti-SLAPP Monitor ist seit dem Launch öffentlich zugänglich und wird von Journalisten, Rechtsanwälten, Forschern und EU-Parlamentariern genutzt, die sich mit dem Thema Pressefreiheit befassen. Die strukturierte Datenlage hat es dem ECPMF ermöglicht, in politischen Debatten auf belastbare Zahlen zu verweisen – ein entscheidender Unterschied gegenüber anekdotischen Einzelberichten.
Das System wird laufend mit neuen Fällen befüllt und hat sich als zentrale Referenzquelle für die Anti-SLAPP-Bewegung in Europa etabliert. Die technische Architektur erlaubt es, das Datenmodell bei Bedarf zu erweitern – etwa um neue Klagekategorien oder die Integration mit externen Rechtsdatenbanken.